Galerie Dorothea van der Koelen
G. Y. WU
Bettina von Pfeil:
Digital Monochrom – Eine kleine Retrospektive
Eröffnungsrede der Ausstellung in der Galerie Dorothea van der Koelen am 9.5.2009
Guang Yao Wu. Wie würde eine klassische Ausstellungsrede wohl beginnen? Mit der Frage nach der Bedeutung des programmatischen Titels? Digital Monochrom. Mit einer Bestandsaufnahme dessen, was wir sehen? Die Nichtfarben Schwarz-Weiß, einige Grautöne. Die Materialien: wie Tusche, Filz, Metall. Mit Gedanken über Guang Yao Wus zentrales Gestaltungselement: den Punkt. Der ihm treu bleibt und der in den verschiedensten Variationen immer wieder auftritt: als Punkt, als Kreis, als Tropfen, als Ellipse, als Mikrophonhülle, als mit Papier überzogener Go-Stein. Der Punkt, von dem alles ausgeht im Werk von Wu, der vernetzt wird mit anderen Punkten, der in Beziehung zur Fläche tritt. Der Flächen kreiert, aber auch öffnet und durchbricht, der sie strukturiert und rhythmisiert.
Wir würden weiter Einordnungen treffen zwischen asiatischen und westlichen Traditionselementen, von Konstruktivismus sprechen und von Minimal Art. Und – keine Angst – wir werden später auf all diese wichtigen Fragen auch kurz zu sprechen kommen.
Aber ich bin keine Professorin für Kunstgeschichte und auch keine
Museums-
Aber - darf man sich das erlauben, wenn es um einen Künstler wie Guang Yao Wu
geht? Einen, dem es gerade nicht darum geht sich selbst in seiner Kunst in Szene zu
setzen? Der sich auf Traditionen beruft, die den großen individualis-
Mit dieser Ausstellung ›Digital-Monochrom‹ eine kleine Retrospektive,
feiert Guang Yao Wu seinen 50ten Geburtstag. Und nicht nur das: Wu ist im Jahre 1989
nach Deutschland gekommen. Es sind nun genau 20 Jahre, die er hier lebt. Zeit
für ein Resumée, auch ein biografisches.
Warum ist Guang Yao Wu nach Deutschland gekommen. Wie hat er gelebt vorher, in
China?
Geboren ist Wu 1959 in Shanghai. In Shanghai qualifiziert er sich in einem harten
Auswahlverfahren für ein Studium an der Shanghai School of Art. Später in
einem noch viel härteren Auswahlverfahren für die Zentrale Akademie in
Peking. Von 1984 bis 1987 studiert er hier. Und er hat von Anfang an Erfolg mit
seiner Kunst in China. Ein junger Künstler in einem Akademiensystem, in dem es
noch stark um die Vermittlung auch von handwerklichem Können geht. Wu
könnte jederzeit von jedem von ihnen klassische Porträts in klassischer
Vollendung fertigen. Gelernt ist gelernt. Wu in Peking also, eine Erfolgs-
1989. Platz des Himmlischen Friedens. Wir haben die Bilder alle noch im Kopf. Die
Bilder der friedlichen Studenten und ihres Protestes und die Bilder von der Gewalt,
mit der gegen die Jugend im eigenen Lande vorgegangen wird. Guang Yao Wu ist einer
der protestierenden Studenten, gehört zu den Gründern der Bewegung. An
vorderer Front gerät er vor die Kameraobjektive westlicher Berichterstatter.
Freunde werden bereits verhaftet, gefoltert. Die Peking Art News wird eingestellt.
Zeit, das Land zu verlassen. So kommt also Wu vor zwanzig Jahren in Deutschland an,
mit einem DDR-Interflug über Ostberlin.
30 Jahre alt, des Deutschen kaum mächtig, ein Fremder in der Fremde, jeder
Sicherheit beraubt. In Karlsruhe an der staatlichen Akademie der Bildenden
Künste beginnt er, der doch in China bereits sein Studium abgeschlossen hatte,
erneut eine akademische Ausbildung. Ein erwachsener Mann zwischen 18jährigen
Söhnen und Töchtern aus dem Bildungsbürger-Mittelstand, die ihm
merkwürdig satt und saturiert erscheinen. Wu studiert, Wu lernt deutsch und Wu
arbeitet in einer Fabrik am Band zwischen Frauen, die mit Klebstoffen hantieren, um
für dieses neue Leben das Nötigste zu verdienen. Kulturschock! Vom ersten
Geld kauft er sich einen Kassettenrekorder, um Bach zu hören, Bach zu studieren,
eine Liebe, die ihm bleiben wird. Ein Kunstwerk zu schaffen, so perfekt und
kristallin strukturiert wie eine Fuge von Bach, zählt noch heute zu seinen
Träumen. Bald verflogen hingegen ist die ursprüngliche Begeisterung
für die Kunst von deutschen Berühmtheiten wie Baselitz und Lüpertz.
Eine erzählerische Kunst mit stark individualisiertem Gestus. Eine Kunst, die
ihm bald schon nichts mehr zu sagen weiß. Denn natürlich hat einer wie er,
einer, dem der Boden unter den Füßen weggezogen worden ist, der in einen
gänzlich anderen Kulturkreis katapultiert wurde, grundlegendere Fragen, als dass
figurative Antworten ihn befriedigen könnten.
Er habe versucht damals, auf seiner ›geistigen Festplatte alle Program-
Steine des alten asiatischen Go-Spieles setzt er auf eine Fläche. Überzieht
sie weiß. Konstruiert aus diesen erhabenen Punkten geometrische Figuren.
Inspiriert von der Blindenschrift. Eine Bildsprache, der man sich auch haptisch
vergewissern kann. Da arbeitet ein Künstler an einem Vokabular, das nichts mehr
mit nationalen oder zeitlichen Paradigmen zu tun haben möchte. Das universell
sein will, überzeitlich.
Mir der Dringlichkeit und inneren Notwendigkeit dessen, der sich tatsächlich neu
setzen muss, studiert Wu westliche Kunsttraditionen, vertieft sich in die Philosophie, in
malerische Grundlagenbefragungen.
Und so entwickelt Wu, recht bald schon in Deutschland sein Bildsystem. Der Bildaufbau
geht vom einzelnen Punkt aus, geht vom Punkt zur Fläche. Jeder Punkt steht in
Beziehung zu einem anderen. Konstruiert im Beziehungsgeflecht mit den anderen Punkten
eine neue Struktur. Nur, wenn sie sich dem Bild sehr stark annähern,
konzentrieren sie den Blick auf Einzelpunkte. Doch in der Gesamtwahrnehmung aus der
Distanz zieht kein Punkt den Blick auf sich alleine. Gemeinsam miteinander vernetzt,
schaffen die Punkte eine Fläche. Als einen seiner Vordenker nennt Wu den
Künstler Cezannes. Cezanne, der die Zentralperspektive auflöst. Jenes
Diktat eines Bildaufbaus, das den Blick des Betrachters in eine Richtung zwingt. Das
hat meist mit Religion, oder Ideologie zu tun, wenn der Blick gelenkt wird, sagt Wu.
Guangs Yao Wu bezeichnet seine Punkte als demokratisch, sie sind gleichberechtigte
Teile eines Ganzen. Der Betrachterblick ist frei, sucht sich seinen Weg autark.
Freiheit des Blicks. Das aber innerhalb einer gesetzten Ordnung, die ganz klar
durchschaubar, nachvollziehbar ist. Die Strategien des Künstlers liegen offen.
Wu findet sehr schnell auch in Deutschland Beachtung, er ist noch Student, da kauft
die Kunsthalle Karlsruhe ein erstes Bild von ihm – und noch ehe er sein Studium
abgeschlossen haben wird, wird ihm die Kunsthalle eine ganze Ausstellung widmen.
Vom Punkt zur Fläche. Innerhalb dieses Systems bieten sich Wu unendliche
Variablen von Gestaltungsmöglichkeiten. Bindungslinien, die nur im Kopf des
Betrachters gezogen werden, oder solche, die von zarter Hand, oben sogar einmal mit
Farbe, getuscht sind. Mal ist der Punkt punktgenau gesetzt, mal in der Tradition der
Minimal Art industriell vorgefertigt.
Wu arbeitet mit Schaumstoff-Mikrophonhüllen, Punkte in Eierform, wenn Sie so
wollen.
Mal strukturiert der Punkt die Innenfläche eines Bildes, mal ist er so gesetzt,
dass er die Bildfläche öffnet, aufbricht, wie bei dem schwarzen Bild hier
unten. Wo die auf die obere Bildkante gesetzten Mikrophonhüllen die
Bild-
Dabei verbindet diese Kunst traditionell chinesische Elemente mit denen westlicher
Kunst.
Ich möchte hier nur auf die Farbwahl Schwarz und Weiß, das Arbeiten mit
Tusche und Pinsel, den Verzicht auf Ikonographie als asiatische Charakteristika
hinweisen. Mein sehr geschätzter Kollege Michael Hübl hat einen fabelhaften
Aufsatz über das Chinesische, vor allem die chinesische Philosophie, den
Taoismus im Werke Wus geschrieben , veröffentlicht im Chorus-Verlag in dem Band
Guang Yao Wu. Werke 1995–1998. Ich möchte Ihnen die Lektüre
sehr ans Herz legen.
Ein die Philosophie betreffendes Stichwort aber möchte ich Ihnen hier geben: Wu
selbst spricht vom
Monismus, einer philosophischen oder metaphysischen Position, wonach sich alle
Vorgänge und Phänomene der Welt auf ein einziges Grundprinzip
zurückführen lassen. In der Kunst bedeutet das: die leere Fläche,
keine Illusion schaffen, rein bleiben. Diesseitsbezogenheit, kein Verweis auf ein
Jenseits. Gott, so sagt Wu, muss im Diesseits gerettet werden. Sei Ziel ist eine
Kunst, die nicht ideologisch sein will, die kein Ziel vorgeben möchte, die den
Geist nicht Institutionalisierungen unterwerfen möchte. Eine reine Kunst
für einen freien Geist, der seinen Weg selbst suchen und finden soll.
Jetzt, in den ganz jungen Arbeiten, den Zeichnungen dort unten, die mit einem breiten
Pinsel und Tusche aufs Papier mit einer sehr dynamischen Stoß-
Ganz stark beziehen diese Arbeiten auch die Dimension der Zeit mit ein. Ein
Zeitverlauf wird wahrnehmbar. Wir kennen das aus früheren Arbeiten Wus, die hier
jetzt nicht zu sehen sind: da arbeitete Wu mit dem Punkt als Tropfen. Ein
Wassertropfen fällt auf ein Papier und mutiert dort zur flächigen Form. Der
Zeitpunkt des Aufschlages, der Zeitpunkt höchster Dynamik, wird festgehalten. Wu
hatte die Tropfen in diesen Arbeiten auf Filz hochkopiert und seriell gesetzt.
Quadrat- Punkt, Schwarz-Weiß. Das Einzelelement- die Gesamtstruktur. Das
Individuum, die Masse. Das Spezielle und das Universelle.
Wus Bildsystem, das aus wenigen, aber sehr bewusst
gewählten und immer wieder neu befragten und arrangierten Elementen besteht ist
perfekt, exakt beschreibbar, bewusst entschieden limitiert, aber innerhalb des
gewählten Systems und der selbst gesetzten Regeln von einer unendlichen
Freiheit. ›Wenn es einem Künstler gelingt, so ein System für sich
entwickelt zu haben, das ihm die unendliche Variation erlaubt, – dann ist das
das wahre Glück‹, sagt Wu.
Ein Glück, zu dem wir Guang Yao Wu nur aus ganzem Herzen gratulieren
können.
Bettina Gräfin von Pfeil
Über die Tropfen
Der Betrachter von G. Y. Wus Werken wird daher zu einer Gegen-Reduktion eingeladen,
um das Hervorbrechen des Ästhetischen nicht vom Hervorgebrachten her zu
vernehmen, sondern von seiner eigenen Identifikation mit jener leiblich-lebendigen
Kraft, welche als Ur-Ästhetik ebenfalls in ihm selbst ruht.
Rolf Kühn / Akio Yokoyama
Es handelt sich in der klassischen Form des handwerklichen ›Malens‹ bei G.Y. Wu
um die Sublimation der symbiotischen Welt der Mimesis in eine symbolische Bildwelt.
Dann wird umso deutlicher, wie sehr die Rationalität durch ein schier
zufälliges, fast konfuses Konstrukt an chaotischen Systemen aus dem
Gleichgewicht gebracht wird.
Gert Reising
Dem quadratischen Bildformat ist die unregelmäßige Tropfenform so
eingeschrieben, dass sie zwar materiell und farbig miteinander verschmelzen und den
traditionellen Gegensatz von Figur und Grund überwinden, den Antagonismus von
Bild und Form gleichwohl bewahren. Die Tropfen als dynamische Bewegungsspur wird
einerseits durch den quadratischen Bildträger neutralisiert und in einen
größeren Zusammenhang eingebunden, andererseits bewahrt sie aufgrund des
unregelmäßigen Umrisses ihre Unabhängigkeit.
Joachim Heusinger von Waldegg
G. Y. Wus ›Tropfen‹ verbinden zwei der abstraktesten Grundformen: den Kreis,
der dem radial zerstiebenden Punkt zugrunde liegt, und das Quadrat als statischstes
aller Module. Sie spielen auf makro-und mikrokosmische Dynamik und Ordnung an, ohne
sie vordergründig zu illustrieren. Ihre Metaphorik reflektiert zugleich
Prinzipien des eigenen Schaffens.
Siegmar Holsten
Die ursprünglichen Tuschetropfen wurden per Kopierer mehrfach
vergrößert. Damit ist die Form der Tropfen optisch besser zu sehen.
Gleichzeit werden die Unterschiede zwischen den Tropfenformen durch die
Vergrößerung auch deutlicher. Der zweite Schritt der Bearbeitung der
Tropfen ist die Abstimmung der Umrisslinie der Tropfen. Dies kann durch eine
gerasterte Schablone oder durch eine Handabzeichnung erfolgen. Nach diesen Schnitten
ist der sich ergebende Tropfen zwar identisch mit dem ursprünglichen, aber nicht
mehr der gleiche Tropfen. Deshalb kann man diese Bearbeitung der Tropfen als
›Übertragung‹ bezeichnen.
Die Taten eines Formens übertragen die Form.
G. Y. Wu
Wus Bildobjekte sind in der Regel unlimitiert, obwohl und weil sie sich ja als
Originale behaupten, weil sie von ihm handgefertigt sind und deshalb keines ganz
identisch sein kann mit dem anderen . Gleichzeitig zeigen sie aber keine Spuren
individueller Handschrift, keine Gestik - wie es zum Beispiel der Malerei des
eingangs zitierten Jackson Pollock eigen ist ... Angelika Stepken
In der Beschränkung auf wenige Elemente liegt eine Kraft und diese Kraft ist in
Wus Arbeiten deutlich spürbar. Seine Kunst ist eine Kunst des Kontextes, sie
ist auch nicht eindeutig interpretierbar aufgrund symbolischer Festlegungen. Vielmehr
reagiert und agiert Sie im Umfeld mit wechselnden Konnotationsmöglichkeiten und
Konnotationschancen.
Peter Funken
Wus unverwechselbare eigene Haltung, die der Formerfindung einen ontologischen Sinn
unterstellt, lässt sich als Zusammenspiel verschiedener Komponenten verstehen,
deren wichtigste abschließend zusammengefasst seien:
* Überzeugt von der Existenz eines ›Natur - Urraumes‹, beharrt Wu auf der
persönlichen physischen Grunderfahrung. Aus diesem Grunde besteht er auf dem
materiellen Werk - Ent - Wurf. Siegmar Holsten
... Es (das Sein) wird nicht zuletzt an dem Begriff Punkt deutlich, der zum
künstlerischen Grundinstrumentarium von G.Y. Wu gehört. ›Punkt‹
schreibt sich, indem man die Zeichen für Schwarz und Fragen aneinanderfügt.
Einen Punkt setzen, impliziert demnach im Chinesischen durchaus nicht die
zielgerichtete Endgültigkeit, die der Begriff im Westen spätestens seit der
Etablierung der Zentralperspektive umfasst. Nach chinesischem Verständnis
enthält der Begriff ein Bewegungsmoment: Fragen als Malvorgang.
Michael Hübl
Ähnliches geschieht also hier mit diesen sehr schönen Tuschezeichnungen,
die sehr asiatisch anmuten. Die oszillieren zwischen präziser Setzung, formalem
Kalkül, und dem besonderen kleinen Moment von Emotionalität, kontrollierter
Emotionalität. Zeichnungen, die Bewegung in Zeit festhalten. Und die im festen
Formenkanon Wus bleiben, aus der Form heraus gestoßene Punkte, Ellipsen im
weitesten Sinne.
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Wu arbeitet mit Zeichen und Metaphern, statt mit einsamen Identitäten. Er
simuliert den ersten Tropfen Pollocks, verfremdet ihn über verschiedene
Techniken und Materialien und setzt ihn wieder in Bild. Das ist ein entschiedenes
Statement zur aktuellen Bild-, bzw. Malerei-Legitimation.
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* Er geht von der Identität des Subjekts aus, das als Teil eines kosmischen
Zusammenhangs gedacht bleibt.
* Seine Gratwanderungen zwischen Zufall und Regel, Chaos und Ornament beziehen sich
modellhaft auf Strukturen der Wirklichkeit.
* Wenngleich mit skulpturalen Mitteln im Raum arbeitend, versteht er seine Arbeit in
dem Sinne als Malerei, dass eine Dimension suggeriert wird, die das eigene Medium
übersteigt.
* Vor diesem Hintergrund sind seine ›Punkte‹ formale Grundelemente - nicht im
Sinne statischer Fixierungen, sondern gleichsam als gedachte Startlöcher eines
allseits expandierenden Raumes, der als Utopie erfahrbarer Realität alle
virtuellen Räume in den Schatten stellt.
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