Galerie Dorothea van der Koelen


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VERA RÖHM



Andreas F. Beitin

Eröffnungsrede zur Ausstellung am 17. Mai 2008, Mainz Bretzenheim


Vera Röhm. Überblick

Liebe Dorothea van der Koelen, liebe Vera Röhm, sehr geehrte Damen und Herren, vielen herzlichen Dank für die freundlichen Worte und die Einladung, hier anlässlich der Ausstellung von Vera Röhm die Eröffnungsrede halten zu dürfen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, geht es Ihnen manchmal auch so? Finden Sie Kunst auch umso interessanter, spannender und bereichernder, je mehr sie sich mit einem Kunstwerk, mit dem Schaffen eines Künstlers oder mit einem bestimmten Werk auseinandersetzen? Mir ging es so mit zahlreichen Kunstwerken, Künstlern, ja sogar Kunstrichtungen, die ich oft nur oberflächlich kannte, manchmal auch gar nicht und die ich erst richtig wertschätzen lernte, als ich mich mit ihnen beschäftigt hatte. Und genau so war es auch für mich bei dem Werk von Vera Röhm. Als mich Dorothea van der Koelen am Anfang des Jahres fragte, ob ich einen Text zum Werk von Vera Röhm schreiben würde, kannte ich natürlich den Namen der Künstlerin, hatte aber nur eine vage Vorstellung von der Komplexität ihres Werkes. Ich sagte zu und es begann für mich eine interessante Auseinandersetzung. So entwickelten sich während mehrerer Atelierbesuche schöne und spannende Gespräche und für mich eine intensive Beschäftigung mit einem komplexen Werk, das sich in den vergangenen knapp vierzig Jahren zwar parallel aber weitgehend autonom von den Trends der Kunst entwickelt hat. Ein Werk, das eine große Eigenständigkeit aufweist, gewiss Anleihen bei den einen oder anderen Stilen genommen hat, aber in der Summe doch eine faszinierende Singularität darstellt. Ich bin also nicht nur Dorothea van der Koelen dankbar, mich zur Arbeit am Werk von Vera Röhm eingeladen zu haben, vor allem aber der Künstlerin selber, für die Zeit, die Sie sich genommen hat, vor allem aber für Ihre Kunstwerke, seien es Skulpturen, Fotografien oder typografische Arbeiten.

Einige dieser Werke haben Sie soeben in der Halle am Dammweg gesehen, andere sind nun hier ausgestellt. Gerne möchte ich nun zu einigen wesentlichen Aspekten im Werk Vera Röhm ein paar Worte sagen.

Vera Röhm, die Bildhauerin

Betrachtet man das Werk von Vera Röhm näher, so wird schnell deutlich, dass vieles, auch die unterschiedlichsten Formulierungen, miteinander in einem Zusammenhang stehen, aufeinander aufbauen oder sich auseinander entwickeln. Es gibt dabei viele rote Fäden, die ein korrelierendes, ja synergetisches Geflecht bilden. Die einzelnen Fäden kann man dabei mit Begriffen wie Wahrnehmung, Bewegung, Kosmologie, Gegensätzlichkeit, Erkenntnis und Strukturierung benennen.

Bereits am Anfang von Vera Röhms künstlerischer Arbeit bestand das Interesse an Raum und Körpern. Waren es zunächst Kuben und Quader, so lag es nahe, dass sich Vera Röhm aufgrund ihrer Tendenz zur Reduktion, der Form des Tetraeders zuwendet. Unmittelbar nachdem sie sich für diese Grundform als Arbeitsmodell entschieden hat, nahm sie an diesen Körpern verschiedenste Schnitte und Einschnitte vor. Dabei sind die Einschnitte als Teil einer künstlerischen Notwendigkeit anzusehen, denn sie ermöglichen ständig neue Formenkombinationen, aus denen wiederum unterschiedliche geometrische Flächen und Körper entstehen. Obwohl das einschneidende Zerteilen einer bestehenden Form zunächst ein Akt der Destruktion darstellt, ist es zugleich auch ein Prozess der Kreation: Durch die Einschnitte werden neue Formen generiert, das Ursprüngliche in der Zerteilung variiert. Formal betrachtet ist in diesem Vorgang eine Parallele zur Konkreten Kunst gegeben, die ebenfalls das Thema der Variation geometrischer Figuren oder von Worten kennt. Aus der Grundform des Tetraeders hat Vera Röhm nun in einer aktuellen Installation – wie man in der Halle am Dammweg sehen konnte – ein Tableau, bestehend aus 13 Tetraedern, geschaffen, die die unterschiedlichsten Einschnitte aufweisen und aufgrund ihrer Beleuchtung ein vielfältiges Schattenspiel entwickeln. So wie die paradoxe Existenz des Schattens sich dem Licht verdankt, sind bei Vera Röhms Tetrader-Installation die einzelnen Formen einerseits Verursacher der Schatten, andererseits zugleich aber auch ›Bildträger‹ des Schattenwurfes der anderen Tetraeder. Durch die Beleuchtung entsteht ein abwechslungsreich-faszinierendes Spiel aus Kern-, Halb- und Schlagschatten.

Schon durch die Beschäftigung mit der Form des Tetraeders hat sich für Vera Röhm daraus aber nicht nur eine Fragestellung der Oberflächen und Materialien entwickelt, sondern auch ein weiter gehendes Bewusstsein für die Volumina der Werke und der sich daraus notwendig ergebenden, vom jeweiligen Standort mit seinen Lichtverhältnissen abhängigen Schatten. Die persönliche ›Entdeckung‹ der Thematik des Schattens mit seiner natürlichen Dynamik, seiner unterschiedlich farblichen Tonalität und schließlich die Transformation des immateriellen Schattens in plastische Formen – wie man hier anhand der Zeichnung der Aktion Hundertmorgen nachvollziehen kann – können als einige der wichtigsten Ergebnisse der künstlerischen Reflexionen von Vera Röhm betrachtet werden.

Aus Vera Röhms künstlerischer Auseinandersetzung mit Schatten beginnt sie sich auch für kosmische Bewegung zu interessieren, da Schatten sich ja im ursprünglichsten Sinn der autokratischen Lichtquelle der Sonne verdanken, wodurch sie in unmittelbarem Zusammenhang mit Zeit und Bewegung stehen, zwei stets wiederkehrenden Themenschwerpunkten im Werk der Künstlerin. Darüber hinaus stehen Schatten in direkter Verbindung mit der Wahrnehmung von Körpern, unserer Umwelt und schließlich unserer selbst, denn sie sind der natürlichste und ursprünglichste exogene Beweis unserer eigenen Existenz.

Im ersten Jahrhundert vor Christus stellte schon der römische Politiker und Philosoph Cicero fest: »Artem sine scienta non posse …« – Kunst ist ohne Wissenschaft nicht möglich. In diesem Sinn ist es auch das nicht zu unterschätzende Verdienst Vera Röhms, den Schatten von geometrischen Körpern nicht nur wissenschaftlich exakt in ihren Kunstwerken zu materialisieren, sondern vor allem zu verdeutlichen, dass Schatten nicht statisch sind. Sie führt uns ins Bewusstsein, dass sie im ursächlichsten Sinn dynamisch, mit Bewegung verbunden sind, nämlich mit keiner geringeren als derjenigen unserer Erde um den zentralen Stern unseres Planetensystems. Dass diese kosmische Dynamik – wie jede Bewegung – mit Zeit zu tun hat, liegt auf der Hand.

Aus dem Interesse an der Dynamik der Schatten, fing Vera Röhm an, in mathematisch exakten Berechnungen die Schattenwanderung von Tetraedern vorab in Zeichnungen zu skizzieren und später als vollplastische Skulpturen auszuführen, wie man hier in der Zeichnung ebenfalls sehen kann. Durch diese räumliche Ausführung des Schattens hat Vera Röhm ihm – nebenbei bemerkt als erste Künstlerin in Deutschland – eine eigenständige künstlerische Qualität zuerkannt. Dabei informiert Vera Röhm den Betrachter mit geografischer und chronologischer Genauigkeit auf den Skizzen und Skulpturen über den Ort, das Datum und die Zeit des jeweils dargestellten Schattenwurfes.

Um es noch einmal deutlich zu betonen: So elementare Kategorien wie Wahrnehmung, Bewegung beziehungsweise Dynamik und Zeit gehören zu den zentralen Aspekten im Werk von Vera Röhm. Betrachtet man ihre Ergänzungen, also diejenigen Arbeiten, die aus den Verbindungen von gebrochenen Kanthölzern und Plexiglas bestehen, so ist auch bei ihnen ein Zusammenhang mit Bewegung festzustellen, denn sie sind hervorgegangen aus Vera Röhms Beobachtung von sturmgeschädigten, abgebrochenen Baumstämmen. Die Spuren der Zerstörung an den Bäumen haben Vera Röhm dazu inspiriert, diese Verletzungen zu ›heilen‹, indem sie das fehlende, abgebrochene Naturmaterial durch Acrylglas ergänzt. Sie verwendet allerdings nicht Baumstämme direkt aus der Natur, sondern von Menschenhand zugeschnittene Kanthölzer – quadratische Balken mit bis zu dreißig Zentimetern Kantenlänge – die sie von tonnenschweren Pressen durchbrechen lässt. Ein dynamischer Vorgang, der nicht nur ein hohes Maß an Präzision benötigt, sondern auch eine solide Erfahrung im Umgang mit dem Verhalten der unterschiedlichen Holzarten. Ebenso wie bei der zerschnittenen Tetraedern steht auch hier am Anfang zunächst ein Akt der Destruktion, aus dem schließlich Neues hervorgeht. Diese Holzquader ergänzt Vera Röhm an den Sollbruchstellen mit gleichförmigen Acrylglasverlängerungen – es entstehen hieraus spannungsvoll-gegensätzliche Kombinationen von Holz und Kunststoff, Natur und Chemie, Massivem und Durchscheinendem. Im Laufe der Zeit sind so die unterschiedlichsten geometrischen und konstruktiven Skulpturen entstanden, von einzelnen Stelen bis hin zu ganzen Stelenfeldern – wie es auf der Fotografie vom Oberfeld zu sehen ist – oder von spitzwinkligen Ergänzungen bis hin zu der großen massiven Bodenskulptur in Kreuzform.

Vera Röhm, die Fotografin

Parallel zu den skulpturalen Arbeiten aus Plexiglas, Stahl oder Holz arbeitet Vera Röhm, die in Darmstadt und Paris lebt, immer wieder auch fotografisch. Dieses Nichtfestlegenwollen auf bestimmte künstlerische Gattungen und Medien, das Pendeln zwischen und verbinden von Gegensätzlichkeiten ist ein Grundton, der in vielen Arbeiten von Vera Röhm anklingt und der ihr Werk so abwechslungsreich macht. Einerseits faszinieren ihre Arbeiten durch den an ihnen ablesbaren ruhelosen Forschergeist. Andererseits ist es eine Intention der Künstlerin, Ordnungen oder Strukturen in Dinge zu bringen, das vermeintliche Chaos der Umwelt zu analysieren und durch Akzentuierungen oder Betonungen zu ordnen und einem Erkenntnisgewinn zu unterstellen. Vor diesem Hintergrund ist die Fotografie-Serie der Stützwerke zu sehen, die 1977 von Vera Röhm in Paris begonnen worden ist und bis heute fortgeführt wird. Ausgehend von der hölzernen Stützkonstruktion einer historischen Hausfassade gegenüber des damals neu errichteten Centre Georges Pompidou manifestiert sich ihr Interesse am Konstruktiven sowie an Strukturierungen. Zunächst erblickt man auf den Fotografien ein verwirrendes Labyrinth aus Holzbalken, die die Aufgabe hatten, die stehen gelassene Fassade des Hauses vor dem Einsturz zu bewahren. Nach dem ersten Schritt des Fotografierens sucht Vera Röhm bestimmte konstruktive Teile des Gerüstes aus, um diese farblich auf dem Lichtbild zu markieren; auch werden von ihr Zwischenräume durch dezidierte Farbaufträge hervorgehoben. Hier beginnt nun das Spiel für den Betrachter: Zunächst überprüft man unwillkürlich, ob die Farbbalken auch den realen Holzbohlen entsprechen. Durch das farbliche Herausstellen der sich wiederholenden Holzstrukturen beziehungsweise der dazwischen liegenden Räume erkennt man schließlich die systematische Struktur des Gerüstes. Jedes Bild irritiert dabei aufs Neue unsere räumliche Wahrnehmung, denn obwohl sich die Farbinterventionen auf der immer gleichen Ebene bewegen, nämlich der Oberfläche der Fotografie, simuliert unser Gehirn ein Davor oder Dahinter im dreidimensionalen Gefüge der Balkenkonstruktion und lehrt uns so etwas über menschliche Wahrnehmung. »Wird man es glauben, dass es solche Häuser giebt? Nein man wird sagen, dass ich fälsche. (…) Aber um genau zu sein, es waren Häuser, die nicht mehr da waren. Häuser, die man abgebrochen hatte von oben bis unten«, heißt es bei Rainer Maria Rilke in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, ein Textfragment, das Vera Röhm als typografisches Element auf einigen Stützwerke-Arbeiten zitiert.

Wollte man eine Fotografie in eine mathematische Gleichung umwandeln, so müsste es heißen: Apparatur + Licht + Zeit = Fotografie. Dieselbe Gleichung trifft in deutlich anderen Dimensionen auch für eine Serie von Fotografien zu, mit denen Vera Röhm 1995 das große Observatorium im indischen Jaipur abgelichtet hat, das im 18. Jahrhundert von einem Maharadscha errichtet worden ist. In der in der Halle am Dammweg ausgestellten Astronomiewand werden diese auf den ersten Blick nahezu abstrakt wirkenden Fotografien mit Ansichten des Mondes, astronomischen Schemata und Phänomenen des Weltalls kombiniert – direkte und indirekte Astronomie und kosmische Bewegung treffen somit in diesem Kunstwerk zusammen und ergeben ein Kaleidoskop der unterschiedlichen Faszinationen. Auch in der Astronomie geht es um das Ordnen und Systematisieren von Dingen, was mit dazu beigetragen haben mag, dass das Observatorium von Vera Röhm ausgesucht worden ist. Die Anlage mit den funktionalistischen Großskulpturen stellt darüber hinaus eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft dar, wie sie auch für das Werk von Vera Röhm zutrifft. In der Astronomiewand werden die Fotografien darüber hinaus durch Texttafeln ergänzt, die überleiten zu einem weiteren Werkkomplex.

Vera Röhm, die Sprachkünstlerin

Einen Schnittpunkt von Vera Röhms Schatten-, Foto- und Spracharbeiten stellt die Serie von schwarzen Kuben dar – einer von ihnen ist hier im garten der Galerie zu sehen –, auf denen ein Satz des deutschen Gelehrten Johann Leonhard Frisch (1666–1743) zu lesen ist: »Die Nacht ist der Schatten der Erde«. In ihrer schlichten Prägnanz ist die Aussage geradezu umwerfend. Nicht, dass man nicht wüsste, dass es sich so verhält, aber die Fokussierung des Bewusstseins hin auf diese eigentlich selbstverständliche Tatsache mit dem sich daraus ergebenden Erkenntnisgewinn ist frappierend. Die Innenperspektive – die der Menschen auf der Erde – wird zu einer Außenperspektive transformiert: Man sieht quasi die Weltkugel imaginär im kosmischen Zusammenspiel unseres Planetensystems. Der Kernschatten der Erde ist die tiefe Nacht, der Halbschatten Morgen- und Abenddämmerung. In Anbetracht dieser Tatsache erscheinen alle kulturellen Artefakte, seien sie religiöser, philosophischer, literarischer oder musikalischer Art, in einem romantisierend-mystischen Licht, in das sie sein physikalisches Gegenteil – der Schatten der Erde – metaphorisch taucht. Das ganze menschlich-emotionale Spektrum hinsichtlich der Wahrnehmung der nächtlichen Dunkelheit – von der süßlichen Verklärung der Dämmerungsstunden bis hin zur Angst evozierenden hereinbrechenden Nacht – wird in Anbetracht dieser sachlichen Aussage ins Naiv-Unaufgeklärte transformiert. Und doch können wir uns Menschen paradoxerweise trotz aller wissenschaftlichen Erklärungen dem sinnlichen Eindruck der Nacht nicht entziehen. Mit der Serie der schwarzen Kuben mit dem Frisch-Zitat hinterfragt Vera Röhm auf dezidierte wie kongeniale Weise die gesamte Geistesgeschichte des Abendlandes, bringt die unterschiedlichsten Anschauungen und Interpretationen anhand des natürlich-kosmischen Phänomens der Nacht beispielhaft zur Sprache. Dabei strahlt aus dem Kubus als demjenigen platonischen Körper, der für die Erde steht, der Satz von Frisch in Buchstaben aus Licht heraus, demjenigen Medium, das unter physikalischen Gesichtspunkten für die Existenz von Schatten wiederum eine Voraussetzung ist und das, um auf die philosophische Bedeutung des Lichts zu verweisen, metaphorisch für Erkenntnis steht. So wird hier deutlich, dass auch der Schatten als ein Medium der Erkenntnis dienen kann. In Anbetracht der universalen Relevanz des Satzes ist es nur konsequent, dass Vera Röhm das Frisch-Zitat nicht allein in deutscher Sprache verbalisiert: Sie hat diese Werkserie mittlerweile in sechzig Sprachen, von Amharisch über Koreanisch und Maori bis Welsch ausführen lassen. Es ist eine Aussage, die im wahrsten Sinn des Wortes Völker verbindend und trotz aller elektrischen Illuminationen immer noch von globaler Bedeutung ist.

Resümee

Meine sehr verehrten Damen und Herren, neben der vielfältigen und sehr reflektierten Verbindungsaufnahme zu einigen Kunststilen der Moderne, berühren Vera Röhms künstlerischen Grenzüberschreitungen die Physik, die Optik, die Mathematik oder auch die Philosophie. Aus den Erkenntnissen der diversen Verflechtungen generiert sie zusammen mit ihren eigenen Ansätzen und Ideen bereichernd neue, künstlerische Lösungen. Vera Röhm gehört dabei zu einer Generation von Künstlerinnen und Künstlern, die unabhängig von zeitgenössischen Trends auf sehr individuelle Weise ihr Werk ausbauen, in diesem Fall unter der Prämisse, Kunst, Wissenschaft und persönliches Ausdrucksvermögen miteinander zu verbinden. So unterschiedlich die Gattungen und Ausdrucksformen auch sind, die sprichwörtlichen roten Fäden sind immer erkennbar, die sich schließlich in der Zusammenschau zu einem lesbaren Gewebe verdichten. Allen Arbeiten liegt dabei eine übergeordnete Idee zugrunde, die mit der Umschreibung einer relativierenden, strukturierenden oder auch verrückenden Bewusstseinserweiterung zu erfassen ist, die in letzter Konsequenz einer Erkenntnis dient. Das Medium hierzu ist in vielen Arbeiten der natürlich-dynamische Schatten – auf einer realen, materiellen oder auch sprachlichen Ebene. Es sind die alltäglichen, uns vertrauten Dinge, deren eigentliche Komplexität von unserem Bewusstsein ausgeblendet wird. Vera Röhm gelingt es künstlerisch wie ästhetisch unser Bewusstsein mit Blick auf diese Dinge hin zu erweitern, nicht auf dionysisch-rauschhafte, sondern auf apollinische Weise. Eine Bewusstseinserweiterung dieser Art kann wohl als eines der höchsten Ziele der Kunst angesprochen werden.

Andreas F. Beitin


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